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Science

Wie Autos für Frauen sicherer werden können

Frauen werden bei technischen Entwicklungen oft nicht mitbedacht. Im Automobilbereich werden sie etwa bei der Konzeption von Rückhaltesystemen wie Gurten oder Airbags sowie von Crashtest-Dummys, die bei der Simulation von Unfällen zum Einsatz kommen, nicht von Anfang an berücksichtigt. In der Regel werden Crashtests mit dem sogenannten 50-Prozent-Mann simuliert, der den Durchschnittsmaßen eines Mannes entspricht.

Das kann gravierende Nachteile für Frauen haben. Laut einer aktuellen britischen Studie bleiben sie im Falle eines Unfalls fast doppelt so häufig im Auto eingeklemmt wie Männer. Denn Frauen haben tendenziell ein breiteres Becken und sitzen näher am Lenkrad, wodurch die Einklemmgefahr steigt. 

Neue Bestrebungen

Die EU will die Anforderungen an die Fahrzeugsicherheit daher verschärfen. Im Rahmen des European New Car Assessment Programme (Euro NCAP), bei dem Österreich seit heuer Vollmitglied ist, gibt es Bestrebungen in diese Richtung. Besonders Computersimulationen werden relevanter. 

Mit diesen beschäftigt sich die Unfallforscherin Corina Klug von der TU Graz. „In der Computersimulation sind wir nicht auf ein paar Standardlastfälle begrenzt, sondern können auch untersuchen, was abseits der Standard-Größen von Crashtest-Dummys passiert. So kann untersucht werden, ob größere, kleinere, dünnere, beleibtere und ältere Personen im Fahrzeug gleich gut geschützt werden“, sagt sie der futurezone.

Mit einem virtuellen Menschmodell könne zudem die Anatomie viel detaillierter abgebildet und das Verletzungsrisiko genauer abgeschätzt werden, weil etwa direkt Dehnungen im Knochen analysiert werden können. Sowohl das Unfallszenario als auch die Person, die im Fahrzeug sitzt, könnten in der Simulation zudem variieren und Rückhaltesysteme noch realistischer ausgelegt und bewertet werden.

Erstes Modell einer „Durchschnittsfrau“

Im Rahmen des EU-Projekts VIRTUAL wurde auch das erste Menschmodell einer „Durchschnittsfrau“ entwickelt. Sowohl die äußere Geometrie als auch die Form und Dicke der Knochen basiere auf statistischen Modellen. Die Daten sind dabei zentral. Klug: „Die virtuellen Menschmodelle sind immer nur so gut wie die Daten, die zu ihrer Entwicklung und Validierung verwendet werden können“.

Es sei begrüßenswert, wenn es auf diesem Gebiet mehr Forschungsförderung gebe, um mehr Daten zu generieren und Modelle weiter zu verbessern. Die TU Graz und Euro NCAP arbeiten laut Klug intensiv daran, virtuelles Testen für den Insassenschutz zu implementieren. Die virtuellen Menschmodelle stehen laut der Forscherin für 2029 auf der Agenda.

Unfallforscherin am Institut für Fahrzeugsicherheit der Technischen Universität Graz  

Autonomes Fahren könnte Dummys verdrängen

Auch das ÖAMTC berücksichtigt im Rahmen des Euro-NCAP-Crashprogramms unterschiedliche Faktoren bei den Testungen. Bei einem Heck-Crashtest etwa kam laut dem ÖAMTC-Experte für Fahrzeugsicherheit Max Lang der sogenannte 95-Prozent-Mann zum Einsatz, der größer und schwerer ist als 95 Prozent aller männlichen Erwachsenen. Damit wollte man unter anderem herausfinden, wie sich sein Gewicht bei einem Heck-Crash auf die Sitzlehne auswirkt.

Auch ältere Personen werden berücksichtigt. Denn während ein 35-Jähriger bei einem Unfall eine höhere Brustbelastung überstehe, könne sie bei älteren Insass*innen aufgrund der poröseren Knochen Rippenbrüche verursachen. Relevant sei zudem der Sitzplatz. Lang zufolge würden Großeltern häufig auf der Rückbank sitzen, wo es oft keine Airbags gibt. „Gemeinsam mit Biomechanikern untersuchen wir, welche Belastungen ältere Menschen aushalten“, so Lang.

Erst durch autonome Autos, welche die Verkehrssicherheit  in Zukunft enorm erhöhen sollen, könnten Dummys einmal obsolet werden. Allerdings nur, wenn 100 Prozent der Autos autonom fahren. „Wir erwarten, dass das am ehesten auf der Autobahn der Fall sein wird, wo es keinen Gegenverkehr, keine Fußgänger, oder Kinder gibt. Im Ballungsraum ergeben sich hingegen unterschiedliche, unerwartete Verkehrssituationen“, sagt der Experte für Fahrzeugsicherheit. 

Bis Dummys also keine Rolle mehr in der Fahrzeugsicherheit spielen, dürften noch Jahrzehnte vergehen.

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Andreea Iosa

Andreea Iosa beschäftigt sich mit neuesten Technologien und Entwicklungen in der Forschung – insbesondere aus Österreich – behandelt aber auch Themen rund um Raumfahrt sowie Klimawandel.

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