E-Mails löschen mag das Gewissen beruhigen, spart aber kaum Energie.

E-Mails löschen mag das Gewissen beruhigen, spart aber kaum Energie.

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Digital Life

Wie viel Strom spare ich, wenn ich meine E-Mails lösche?

Wie viel Energie benötigt der Versand einer E-Mail? Wenn auf diese Frage eine einfache Antwort folgt, sollten alle Alarmglocken schrillen. Beim Versenden der elektronischen Post spielen nämlich so viele Faktoren eine Rolle, dass es kaum möglich ist, den Energieverbrauch zu errechnen.

Trotzdem gibt es immer wieder entsprechende Versuche - oder zumindest einen Versuch, der immer wieder aus den Schubladen hervorgekramt wird. Laut eines Öko-Test-Artikels produziere der E-Mail-Verkehr eine*r einzelnen Angestellten pro Tag nämlich so viel Treibhausgase, wie eine 11 Kilometer lange Autofahrt. Öko-Test bezieht sich im 2019 erschienenen Artikel wiederum auf die französische Fernsehanstalt France Télévisions, die sich wiederum auf eine Studie der französischen Agentur für Umwelt und Energiemanagement aus dem Jahr 2011 bezieht.

Dennoch will das Bundesland Kärnten Energiesparmöglichkeiten im Umgang mit E-Mails sehen. Es gab etwa kürzlich im KURIER an, durch das Löschen von E-Mails Serverkapazitäten freizugeben und somit “mehr Energie zu sparen, als man glaubt”.

Je höher der Energieverbrauch, desto höher die CO2-Emissionen

CO2-Emissionen sind dabei natürlich nicht dasselbe wie Energieverbrauch. Trotzdem kann man guten Gewissens sagen, dass ein hoher Energiebedarf auch mit hohen CO2-Emissionen einhergeht - außer der benötigte Strom stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien.

Die Arbeit am Computer kostet wohl mehr Strom, als durch das Löschen eingespart wird.

Als Standardquelle - und darauf beziehen sich auch die meisten Medienartikel - gilt das Buch “How bad are Bananas” vom britischen Ökologie-Professor Mike Berners-Lee. Das scheint zunächst seriös, Berners-Lee ist immerhin der Bruder von World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee. Seine Überschlagsrechnung aus dem Jahr 2010 berücksichtigt dabei die CO2-Emissionen von Anfang bis Ende: Energie von Laptop, Internetrouter und Server und sogar die CO2-Äquivalente für den Bau der Rechenzentren fließen mit ein.

Demnach verursacht eine Spam-E-Mail rund 0,3 Gramm CO2 (sie wird bereits in Datenzentren herausgefiltert und schafft es oft gar nicht auf unsere Rechner), während eine Standard-Mail für 4 Gramm Kohlendioxid verantwortlich sein soll. Eine E-Mail mit einem großen Anhang soll stolze 50 Gramm CO2 in die Atmosphäre blasen.

Basierend auf diesen Zahlen berechnete der britische Energieversorger OVO Energy 2019, dass pro Jahr mehr als 16.000 Tonnen CO2 eingespart werden könnten, wenn jede Brit*in täglich nur auf eine Dankes-E-Mail verzichten würde. Insgesamt würden allein in Großbritannien jeden Tag mehr als 64 Millionen Dankesbotschaften verschickt.

1.000 gelöschte E-Mails bringen Einsparungen im Centbereich

Auch wenn diese E-Mails wegfallen würden - die meiste Energie (und damit CO2-Emissionen) könnte dadurch nicht eingespart werden. Ein Router benötigt Strom, egal ob er genutzt wird oder nicht. Rechenzentren laufen 24 Stunden am Tag. Sie sind nicht nur für E-Mails, sondern für den gesamten Datenverkehr, vom Onlineshopping bis hin zum Filmstreaming, verantwortlich. Und auch das Arbeiten am Laptop oder PC benötigt Strom, egal ob man gerade ein E-Mail schreibt oder Daten in ein Excel-Dokument tippt.

Bleibt noch die Energie, die man für den nicht benötigten Speicherplatz einspart. Laut Berechnungen von Forscher*innen der Universität Wisconsin-Madison und Universität von British Columbia liegt der jährliche Stromverbrauch einer 1-Terabyte-Festplatte (HDD) bei etwa 37 Kilowattstunden. Modernere SSDs sind energiesparender, sie verbrauchen etwa 11 Kilowattstunden pro Jahr. Dabei ist vor allem der Schreib- und Leseprozess energieintensiv, das reine Vorhandensein der Daten verbraucht kaum Strom.

Geht man davon aus, dass eine durchschnittliche E-Mail mit Anhang etwa 5 Megabyte an Speicherplatz benötigt, finden darauf rund 200.000 elektronische Nachrichten Platz. Bei reinen Text-Nachrichten sind es deutlich mehr. Je nach Speichermedium verbraucht die Speicherung einer E-Mail im Jahr also zwischen 0,18 und 0,05 Wattstunden.

Das Löschen von 1.000 E-Mails mit Anhang spart also zwischen 180 und 50 Wattstunden. Bei den jetzigen Strompreisen entspricht das selbst beim teuersten Angebot maximal 13 Cent im Jahr. Eine Stunde am Arbeitscomputer verbraucht dabei mehr Energie, als im ganzen Jahr eingespart werden kann. Die durchschnittliche E-Mailgröße in meinem eigenen Posteingang beträgt allerdings nur etwa 350 Kilobyte. Würde ich 1.000 Mails löschen, könnte ich dadurch nicht einmal 1 Cent sparen.

Blick auf die wesentlichen Dinge

Eine andere Sache wäre es, wenn ich durch das Löschen meiner E-Mails so viel Speicherplatz spare, dass sich die Anschaffung einer neuen Festplatte oder SSD erübrigt. Denn die Fertigung kostet natürlich auch Energie, die dadurch eingespart werden kann.

Auch wenn jeder noch so kleine Beitrag hilft Energie zu sparen - man sollte den Blick zunächst auf die Dinge richten, die wirklich Energie sparen. Etwa die Temperaturen bei Heizung, Geschirrspüler oder Waschmaschine zu reduzieren oder weniger mit dem Auto zu fahren. E-Mails zu löschen, um Energie zu sparen, ist ein Aufwand, der am falschen Ort gemacht wird. 

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Marcel Strobl

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Ich bin "der Neue" in der futurezone und interessiere mich vor allem für Klima- und Wissenschaftsthemen. Aber auch das ein oder andere Gadget kann mich entzücken.

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