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Digital Life

Zahlt Spotify weniger an Musiker als andere Anbieter?

Wegen Falschinformationen zur Corona-Impfung des Podasting-Stars Joe Rogan ist der Musikstreamingdienst Spotify zuletzt ins Gerede gekommen. Musiker*innen wie Neil Young und Joni Mitchell zogen ihre Songs von der Plattform ab, zahlreiche Nutzer*innen haben ihr Abo gekündigt oder dies zumindest in Online-Netzwerken angekündigt.

Für viele war die Aufregung auch Anlass, sich mit dem Vergütungsmodell des schwedischen Branchenprimus auseinanderzusetzen. Das Online-Musikmagazin Pitchfork befand sogar, dass es angebrachter wäre, über die "erbärmlichen" Lizenzgebühren zu reden, die Spotfiy an Künstler*innen zahle, als über den Corona-Leugner Joe Rogan. Aber unterscheidet sich Spotify vom Rest der Branche?

Weniger Geld pro Stream

Dass die Verdienstmöglichkeiten im Streaming nicht besonders gut sind, ist bekannt. Wirklich belastbare Zahlen finden allerdings kaum den Weg an die Öffentlichkeit. Daten, die bekannt werden, scheinen jedenfalls darauf hinzuweisen, dass Spotify pro Stream weniger auszahlt als andere Marktteilnehmer.

2020 hat die Künstler*innen-Vereinigung The Trichordist Daten eines mittelgroßen Independent-Labels mit einem Katalog von mehr als 350 Alben veröffentlicht. Bei 1,5 Milliarden jährlichen Streams zahlte Spotify 0,00348 Dollar pro gestreamten Song aus. Bei Apple Music waren es 0,00675 Dollar, bei Deezer 0,00562, bei Amazon Music 0,00426 und bei Tidal 0,00876 Dollar pro Stream.

Spotify zahlt den Daten zufolge Künstler*innen also pro Stream nicht einmal die Hälfte dessen, was sie etwa von Tidal erhalten und auch signifikant weniger als Apple Music, Deezer oder Amazon Music.

Vom Branchenblog Digital Music News veröffentlichte Zahlen deuten in die selbe Richtung, zumindest was das Verhältnis der Anbieter untereinander betrifft.

Werbefinanzierte Streams machen den Unterschied

Die Unterschiede seien darauf zurückzuführen, dass Spotify neben zahlenden Abonnent*innen auch ein werbefinanziertes Angebot habe, für das Labels und Musiker*innen wesentlich geringer vergütet werden, sagt Günter Loibl vom österreichischen Digitalvertrieb Rebeat. Würde man nur die im Abo-Modell abgespielten Streams nehmen, wäre der Unterschied nicht so groß, meint der Branchenkenner.

Tidal wiederum zahle deshalb so gut, weil dort die meisten Kund*innen ein wesentlich teureres Hifi-Abo hätten. "Tidal nimmt pro Abo mehr ein und kann auch mehr auszahlen", sagt Loibl. Der Unterschied zwischen Apple Music und Spotify ergebe sich wiederum zum Teil daraus, dass Apple Musiker*innen und Labels während der zumeist einmonatigen kostenlosen Testphase für ein Abo vergüte, Spotify hingegen nicht.

Tatsächlich liege Spotify bei den Abgaben an die Rechteinhaber*innen, die sich aus zwischen 50 und 65 Prozent für die Aufnahmerechte und 10 bis 12 Prozent für die Verlagsrechte zusammensetzen, im Mittelfeld, meint Loibl. In Summe komme sogar das meiste Geld von dem schwedischen Anbieter. Das liegt auch daran, dass der weltweite Marktanteil des schwedischen Streamingdienstes mit 31 Prozent mehr als doppelt so hoch ist, wie jener des größten Mitbewerbers, Apple Music (15 Prozent).

Abrechnungsmodell in der Diskussion

Unzufriedenheit gibt es bei vielen Musiker*innen und kleineren Labels auch über das gängige Abrechnungsmodell der großen Streaminganbieter. Mit dem sogenannten Pro-Rata-Modell werden nach Meinung von Kritiker*innen erfolgreiche Bands und Musiker*innen unverhältnismäßig bevorzugt.  

Dabei wird der Anteil der Aboeinnahmen, der von den Plattformen ausgeschüttet wird, in einen Topf geworfen. Dieser wird dann dem Marktanteil der jeweiligen Künstler*innen entsprechend verteilt. Gezählt wird die Anzahl der Streams.

Musiker*innen wie Drake oder Billie Eilish, die eine hohe Anzahl an Streams generieren, erhalten so auch Geld von Nutzer*innen, die sie vielleicht gar nicht hören. Wer etwa nur Songs von unbekannteren Musiker*innen streamt, subventioniert mit seinen Abogebühren bei dem Pro-Rata-Modell auch die Streaming-Superstars.

Fanbasierte Tantiemen

Demgegenüber steht ein nutzer*innenbasiertes Abrechnungsmodell, im Fachjargon User Centric Payment System (UPCS) genannt, bei dem die Einnahmen eines Musikabos auf die tatsächlich von den jeweiligen Nutzer*innen gestreamten Musiker*innen verteilt werden sollen.

Der französische Streamingdienst Deezer machte sich vor 2 Jahren für ein solches Modell stark und kündigte auch an, es am französischen Markt testen zu wollen. Seither hat man allerdings nichts mehr davon gehört. Eine Anfrage der futurezone zu dem Thema blieb bislang unbeantwortet.

Aufgenommen wurde die Idee zuletzt auch vom Streamingdienst Tidal. Der kündigte an, noch heuer bei seinem HiFi Plus-Abo, das für knapp 20 Euro im Monat Musik in Master-Qualität und innovativen Audioformaten bietet, fanbasierte Tantiemen an Künstler*innen auszahlen zu wollen. Das Geld der Nutzer*innen soll also direkt zu den von ihnen gestreamten Musiker*innen fließen.

Mittel gegen Betrug

Dass weniger populäre Musiker*innen dadurch auch tatsächlich besser aussteigen, ist umstritten. Studien zu dem Thema vermitteln jedenfalls kein einheitliches Bild. Auch Loibl meint, dass sich dadurch für viele Bands und Musiker*innen nur wenig ändern würde.

Betrug beim Streaming könnte damit aber sehr wohl entgegengewirkt werden, meint der Branchenkenner. Denn der Einfluss von Fake-Accounts, mit denen heute Streamingzahlen in betrügerischer Absicht nach oben getrieben werden, werde durch solche Modell stark beschnitten.

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Patrick Dax

pdax

Kommt aus dem Team der “alten” ORF-Futurezone. Beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Innovationen, Start-ups, Urheberrecht, Netzpolitik und Medien. Kinder und Tiere behandelt er gut.

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