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02/19/2019

2019 wird für Smartphones zum Falt-Jahr

Mehrere Hersteller arbeiten an faltbaren Smartphones. Doch ob diese Geräte wirklich die Zukunft sind, ist fraglich.

Warum feiern derzeit Bauchtaschen ein Comeback? Weil Smartphones mittlerweile so groß sind, dass sie nicht mehr in die Hosentaschen passen. Der Zusammenhang zwischen Mode-Fauxpas und Handy-Trend ist zwar nur ein spekulativer Seitenhieb, dass die Displays der Smartphones aber immer größer werden, ist Fakt.

Wir, die Kunden, wollen es anscheinend so. Gleichzeitig jammern wir aber auch darüber, dass Smartphones zu groß sind und kaum noch den Kosenamen Handy (abgeleitet von „handlich“) verdienen. Die von der Industrie angebotenen Lösungen ein zusätzliches Gerät zu kaufen, damit wir das große Smartphone nicht immer verwenden müssen, wurde abgelehnt: Die Simple-Phones (aufs Wesentliche reduzierte Zweit-Handys) und Smartwatches mit SIM-Karte sind keine Bestseller.

Der Messias der Mobilkommunikation soll jedoch 2019 erscheinen. Egal ob als Zwei- oder Dreifaltigkeit oder in der Form einer Handfessel: Hauptsache, dass Display kann gebogen werden. Samsung und Huawei werden als Erste in den Markt vorpreschen, auch Xiaomi und Lenovo/Motorola wollen Apostel der faltbaren Smartphones sein.

Das lange Warten

Es ist noch nicht so lange her, da war das faltbare Smartphone ein Running Gag. „Hast du schon das faltbare Handy von *hier Namen eines Elektronikkonzerns einsetzen* gesehen?“, wurde man Jahr für Jahr auf Fachmessen, wie dem Mobile World Congress, von journalistischen Kollegen gefragt. Dazwischen gab es immer wieder Insider-Berichte, dass man in den Labors von Samsung/LG/Huawei/Nokia Prototypen von Geräten mit faltbaren Bildschirmen gesichtet habe.

Schon 2011 versprach der damalige Chef von Samsung Österreichs Mobile-Sparte der futurezone, dass die nächste Handy-Generation faltbar ist. Ende 2018 war es schließlich soweit. Das erste Smartphone mit faltbarem Display ging in die Massenproduktion. Allerdings nicht von Samsung, Apple oder Huawei, sondern dem chinesischen Unternehmen Royole. Das FlexPai (1388 Euro) verspricht Smartphone und Tablet in einem zu sein.

Falttechniken

Diese Lösung, ein Knick in der vertikalen Mitte, gilt momentan als die einfachste Form ein Display zu falten. Auch das Huawei „Mate Flex“ soll diese Bauform haben, der Hersteller hat das aber noch nicht bestätigt. Samsungs „Galaxy Fold“, so der kolportierte Name, hat den Mittel-Falz. Dieser wurde bereits bei einer Konferenz, anhand eines Prototyps, vorgeführt. Das Gerät wird allerdings zusammengeklappt. Für den „Smartphone-Modus“ befindet sich ein Zusatz-Display auf der Außenseite. Ob das das finale Design des Galaxy Fold ist, ist unbekannt.

Xiaomi geht einen anderen Weg und zeigt in einem Teaser-Video einen Doppel-Knick, bei dem links und rechts Teile des Displays nach hinten geklappt werden, um aus dem Tablet-großen Gerät eines zu machen, dass in die Hosentasche passt. Ein Patent von Motorola verrät, dass ein Einzelknick bei einem Smartphone zum Einsatz kommt, der das Display zufaltet. Dies soll den Formfaktor kultigen Motorola-Klapphandys der Razr-Serie imitieren.

TCL, bekannt dafür tote Smartphone-Marken wie BlackBerry und Palm zu reanimieren, arbeitet gleich an mehreren Falt-Phones. Eines davon ist so oft falt- und biegbar, dass es wie ein Armreif am Handgelenk getragen werden kann. Auch Energizer will ein faltbares Handy vorstellen. Dies soll, genau wie viele der angekündigten Falt-Phones der anderen Hersteller, am Mobile World Congress gezeigt werden. Der findet vom 25. bis 28. Februar in Barcelona statt.

Kinderkrankheiten

Bevor man jetzt in vorauseilende Ekstase gerät, angesichts von Slogans wie „The Future Is Foldable“, „das Beste aus zwei Welten“ und „Mobilität – neu gedacht“, sollte man an eines denken: Kinderkrankheiten. Die erste Generation von etwas ist oft nicht nur revolutionär, sondern auch fehlerbehaftet und teuer.

Das Royole FlexPai ist das beste Beispiel dafür. Erste Tester waren wenig begeistert davon. So soll das Betriebssystem, eine an das Falt-Display angepasste Version von Android, träge sein. Beim Zusammenfalten würden sich ungewollt Apps öffnen. Ausgeklappt sei das Display zu klein, um ein vollwertiges Tablet zu ersetzen. Und im Smartphone-Modus ist es zu dick, weil die Hälften des FlexPai nicht flach aneinander anliegen. Bemängelt wird auch die unschöne Gummiverkleidung des Gehäuses am Knick. Diese sei laut den Testern nicht einem Smartphone angemessen, das über 1300 Euro kostet.

Die Hoffnung

Das heißt nicht, dass Samsung, Huawei und Xiaomi dieselben Fehler machen werden. Der hohe Preis für die Erstlingswerke wird sich vermutlich aber nicht vermeiden lassen. Leaks zufolge wird das Samsung Galaxy Fold mindestens 1700 Euro kosten. Auch Huaweis Mate Flex soll zwischen 1800 und 2000 Euro kosten. Die zusätzliche Dicke der Geräte wird sich zu Beginn nur schwer in den Griff kriegen lassen. Wie es jetzt aussieht, werden die ersten faltbaren Smartphones nicht kompakter, sondern noch größer als aktuelles Handys sein. Auch das leidige Thema Akkukapazität dürfte im „Falt-Jahr“ 2019 ein ständiger Begleiter sein.

Spannend wird es, wenn die Hersteller Wege finden, die Komponenten verlässlich auf die verschiedenen Falt-Elemente aufzuteilen. Wenn ein faltbares Smartphone dann etwa nur doppelt so dick wie ein derzeitiges, normales Handy-Spitzenmodell ist, aber zu einem dreifach so großem Tablet aufgeklappt werden kann, wird es für die Konsumenten interessant.

Auch „günstigere“ faltbare Handys, was zu Beginn wohl 500 bis 700 Euro bedeutet, haben ihren Reiz. Hier ist die Motorola-Idee vielversprechend, bei der ein normal großes Smartphone einfach nach innen zusammengeklappt wird, damit es besser eingesteckt werden kann.

Abwarten und Kraniche falten

Die Chance ist nicht so klein, dass der Falt-Phone-Trend in zwei bis drei Jahren schon wieder vorbei ist, weil die ersten Generationen zu teuer und fehlerfällig sind und hinter den Verkaufserwartungen der Hersteller zurückbleiben. Ein paar Unternehmen sind deshalb schon jetzt vorsichtig. So wolle LG erst einmal abwarten und den Markt beobachten – der Fokus des Konzerns liege derzeit auf 5G-Smartphones. Das stimmt nicht so optimistisch für die Falt-Zukunft, da LG als Hersteller für flexible OLED-Displays einer der größten Lieferanten für die faltbaren Bildschirme sein könnte. Wenn die also nicht daran glauben, wer dann?

Ungewöhnlich kalt ist die Gerüchteküche Apple betreffend. Der US-Konzern hat ein acht Jahre altes Patent kürzlich aktualisiert, das ein faltbares Smartphone zeigt. Das dürfte aber nur passiert sein, um Lizenzzahlungen kassieren zu können, falls ein anderer Hersteller ein solches Gerät produzieren will. Denn außer dieses Patent ist bislang nichts Faltbares geleakt.

Falten lassen sich aber nicht nur Smartphones, sondern auch Tablets und Notebook. Und Papierflieger und Kraniche, was aber weniger produktiv ist. Ein 12 Zoll großes Tablets könnte, in die Hälfte gefaltet, einfacher zum Mitnehmen sein. Ein Notebook lässt sich ohnehin schon zusammenklappen. Wenn aber statt der physischen Tastatur eine virtuelle genutzt wird, könnte einfach nur ein großes Falt-Display genutzt werden. Lenovo hat bereits 2017 ein entsprechendes Patent eingereicht.

Microsoft bereitet sich jedenfalls auf die Foldable Future vor. Insidern zufolge wird Windows 10 derzeit angepasst, um auf Tablets und Fold-Books zu funktionieren. Microsoft soll unter dem Codenamen „Andromeda“ auch eigene Hardware entwickeln, bei der entweder zwei Displays zu einem großen aufgeklappt werden können, oder ein Falt-Bildschirm zum Einsatz kommt. Ob diese Hardware nur als Referenzgeräte für andere Hersteller dienen soll, oder Teil von Microsofts Surface-Reihe wird, ist noch nicht bekannt.

 

Ist die Zukunft faltbar? Macht bei unserer Umfrage mit oder lasst uns in den Kommentaren wissen, ob ihr zukünftig lieber Papierflieger statt Smartphones faltet.