Der Kopfhöreranschluss könnte schon bald verschwinden, um das Apple-Smartphone dünner und "wasserfest" bauen zu können

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Meinung
06/22/2016

Apple wird zum Rebellen aus den falschen Gründen

Das neue iPhone 7 soll auf einen Kopfhöreranschluss verzichten und könnte so viele Kunden zum Kauf neuer Hardware zwingen. Ein riskanter Vorstoß, der nicht gelingen darf.

Es gibt wenige Dinge, die an nahezu jedem Smartphone gleich sind. Aber sei es nun iPhone, BlackBerry, Windows Phone oder Android, stets findet sich dort ein Kopfhöreranschluss. Ein Standard, der sich (in abgewandelter Form) seit dem 19. Jahrhundert bewährt hat. Doch schenkt man einem Bericht des Wall Street Journal Glauben, könnte Apple diesem Standard bald den Rücken kehren. Das kommende iPhone 7 soll auf einen Kopfhöreranschluss verzichten, sodass das Smartphone dünner und "wasserfest" gebaut werden kann. Nur eine von vielen Entscheidungen, die zeigt, dass Apple nicht versteht, was seine Kunden wollen.

Sinnlose Schlankheitskur

Zugegeben, das iPhone 7 wäre nicht das erste Smartphone, das auf einen Klinkenstecker verzichtet (dieser Titel geht an das Oppo R5, und auch Motorola und LeEco bieten Modelle ohne diesen Anschluss). Und auch die Tatsache, dass sich die Technologie stets im Wandel befindet und immer wieder neue Standards etabliert werden, darf nicht vergessen werden. Doch dabei sollte stets der Nutzen für den Kunden im Vordergrund stehen. Den sehe ich bei dieser Entscheidung von Apple nicht. Zahlreiche andere Hersteller haben bereits bewiesen, dass man ein Smartphone auch mit Kopfhörerbuchse wasserdicht bauen kann. Und auch eine dünnere Bauweise sollte auf Basis anderer technologischer Fortschritte kein Problem sein. Aber ganz ehrlich: Wozu sollte das 7,1 Millimeter dünne iPhone noch schlanker werden?

Apple wird gerne als Trendsetter bezeichnet. So verzichtete man bereits 1998 beim iMac auf ein Disketten-Laufwerk und setzte stattdessen auf die CD-ROM. Und auch Flash, einst ein dominanter Standard im Web, bekamvon Apple früh die kalter Schulter gezeigt- einer von vielen Sargnägeln fürdie nun am Boden liegende Technologie. Der Konzern lässt sich nicht gerne sagen, was er zu tun hat und das ist gut so. Zumindest solange der Konsument am Ende davon profitiert,wie im Streit mit dem FBI.Das ist bei dieser Entscheidung nicht der Fall. Mit einem Schlag wird ein großer Teil der Konsumenten dazu gezwungen, neue Kopfhörer oder Adapter zu kaufen. Apple würde sich wohl sicher freuen, wenn man dann gleichzur hauseigenen Marke Beats greifen würde.

Kunden müssen Druck machen

Es gibt kaum nennenswerte Vorteile gegenüber dem klassischen analogen Stecker, die Nachteile überwiegen. So muss ein Bluetooth-Kopfhörer regelmäßig aufgeladen werden und bietet oftmals schlechtere Qualität als Kopfhörer mit Klinkenstecker. Und selbst wenn Apple andere Smartphone-Hersteller davon überzeugen kann, diesem Trend zu folgen, andere Geräte werden weiterhin auf den 3,5-mm-Klinkenstecker setzen. Wie einst beim Lightning-Stecker versucht Apple wieder einmal der Rebell aus den falschen Gründen zu sein.

Damals war der "Schaden" überschaubar - statt einem microUSB-Kabel kaufte man eben einmal ein Lightning-Kabel für zehn Euro nach. Mit dieser Entscheidung könnte es aber selbst eingefleischten Apple-Fans zu viel werden. Nun wäre es an der Zeit, dass Apple-Kundenihr Stockholm-Syndrom überwindenund fordern, dass sich Apple mehr öffnet,ähnlich wie zuletzt Microsoft. Es liegt an den Kunden, ob dieser Versuch, den eigenen goldenen Käfig noch engmaschiger zu gestalten, Erfolg haben wird.