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HarmonyOS vorgestellt: Das kann Huaweis Android-Alternative

Kurz nach Inkrafttreten des Android-Banns hatte Huawei vollmundig angekündigt, ohnehin bereits ein eigenes Betriebssystem in der Schublade zu haben. Nun hat es doch 2 Jahr gedauert, bis Huawei seine Android-Alternative offiziell präsentiert hat.

Gleich vorweg: Eine richtige Alternative zu Googles Android wird HarmonyOS wohl nicht sein. Denn weite Teile des Codes sollen ebenso auf Android basieren. Darauf eingegangen ist das chinesische Unternehmen bei der Präsentation mit keinem Wort. Auch die Interoperabilität von Android-Apps wurde nicht angesprochen.

Hohe Erwartungen an HarmonyOS

Wer sich nun ein mobiles Betriebssystem erwartet hat, bei dem etwa das Bedienkonzept komplett überarbeitet wurde, das optisch etwas völlig Neues bietet oder das sonst irgendwelche revolutionären Neuerungen bringt, wird vermutlich enttäuscht sein.

Denn HarmonyOS kommt mit der üblichen Usability, sticht optisch nicht heraus und unterscheidet sich auch sonst kaum vom Android-Betriebssystem, das man von Huawei-Handys und anderen Smartphones her kennt.

Vernetzung soll den Unterschied machen

Den Unterschied soll allerdings die Vernetzung machen, erklärte Huawei-Software-Chef Wang Chenglu bei der Präsentation. So lassen sich mit HarmonyOS mehrere Geräte miteinander verbinden, die dann von einem Super-Device aus, gesteuert werden.

Auch auf Geräten mit 128 KB RAM soll HarmonyOS noch laufen

Auf der Benutzeroberfläche hat Huawei dafür ein neues Control Panel geschaffen und ein Feature eingeführt, das als Service Widgets bezeichnet wird.

Um die technischen Details des neuen Betriebssystems hat Huawei bei der Präsentation einen weiten Bogen gemacht. Im Mittelpunkt standen vielmehr zahlreiche Beispiele, mit denen die Funktionen von HarmonyOS in den Fokus gerückt wurden.

Alles soll vernetzt sein

Grundsätzlich sollen sich Peripherie-Geräte, wie Kopfhörer, Smartwatches, TV-Geräte oder Smart-Home-Devices wesentlich leichter mit einem Smartphone koppeln lassen. Einmal mit dem Smartphone verbunden, sollen sie sich mit HarmonyOS effizienter steuern lassen.

Das Control Panel bietet dabei einen Überblick über die verbundenen Geräte und zeigt deren Status. Auch lassen sich die Grundfunktionen der Peripheriegeräte über das Control Panel steuern.

HarmonyOS bietet einige spezielle Funktionen für vernetzte Geräte

Drag and Drop zwischen mehreren Devices

Ein paar Beispiele aus der Präsentation: Man arbeitet gerade am Tablet und will ein Foto versenden, das jedoch am Handy gespeichert ist. Unter HarmonyOS soll es möglich sein, am Tablet direkt auf den Speicher des Smartphones zuzugreifen, ohne dass das Foto in eine Cloud muss oder sonst irgendwie an das Tablet gesendet wird.

Diese Drag-and-Drop-ähnliche Funktion soll auch unter Windows verfügbar sein. In diesem Sinne soll man auch von einem Windows-Rechner direkt auf das Handy oder Tablet zugreifen können.

Nahtlose Übergänge zwischen Geräten

Man ist gerade beim Fernsehen und erhält am Handy einen Video-Anruf. Nun braucht man nicht zum Handy greifen, sondern kann den Anruf gleich direkt mit der Smartwatch annehmen.

Außerdem soll die Vernetzung durch HarmonyOS ermöglichen, dass man den Videocall mit der Smartwatch nahtlos auf das TV-Gerät legt. Dann werden Gesprächspartner*innen auf dem Fernsehgerät angezeigt und die Webcam sowie Lautsprecher des TVs genutzt.

Huawei-Software-Chef Wang Chenglu erklärt das neue Control Panel

Kühlschrank einstellen am Handy

Oder bei Smart-Home-Geräten: Man hält sein Smartphone an einen Beacon am Kühlschrank und am Control Panel beziehungsweise am Service-Widget des Handys wird umgehend die Verwaltung des Kühlschranks angezeigt.

In der Folge können die Einstellungen des Kühlschranks angepasst werden. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass auch das Smart-Home-Gerät unter HarmonyOS läuft.

Bei HarmonyOS steht die Vernetzung im Mittelpunkt

Keine Installation von Apps notwendig

Den Homescreen von HarmonyOS zieren neben Apps auch die so genannten Service Widgets. Dort werden alle möglichen relevanten Informationen angezeigt, die sich jedoch nicht aus installierten Apps speisen. Vielmehr soll es sich dabei um ein eigenständiges Feature handeln, das ohne jegliche Installation von Anwendungen auskommt.

Services-Widgets kommunizieren auch untereinander mittels HarmonyOS. So soll es beispielsweise möglich sein, die Fahrkarte in einem öffentlichen Verkehrsmittel per NFC mit dem Smartphone zu kaufen, ohne dabei eine App installieren zu müssen. Voraussetzung dafür dürfte allerdings sein, dass auch der Ticketautomat unter HarmonyOS läuft.

Welche Service Widgets auf dem Homescreen angezeigt werden, lässt sich auch automatisch an die jeweilige Tageszeit beziehungsweise an die jeweiligen Situationen anpassen. So liegt der Schwerpunkt des Homescreens abends auf der Couch ganz woanders als bei der Arbeit, auf Reisen oder im Auto.

HarmonyOS Logo

Fazit

Was man nach der Präsentation des Huawei-Betriebssystem festhalten kann, ist, dass der Fokus von HarmonyOS offenbar nicht in der Neuerfindung eines mobilen Betriebssystems liegt. Die allermeisten Funktionen lassen sich auch über eine Cloud-Verbindung bewerkstelligen oder sind in leicht anderer Form ohnehin schon Teil des Google-lastigen Android.

Vielmehr will HarmonyOS ein Betriebssystem sein, über das Smartphones, Tablets, Computer, TV-Geräte, Smart-Home-Devices und viele andere IoT-Geräte miteinander verbunden sind. HarmonyOS präsentiert sich als eine Art Brückenschlag zwischen Internet-of-Things-Software und einem herkömmlichen mobilen Betriebssystem.

Für Smartphone-User*innen hat HarmonyOS kaum irgendwelche einzigartige Funktionen zu bieten, die einen Umstieg von iOS oder Android auf das Huawei-Betriebssystem schmackhaft machen würden. Wenn man allerdings zahlreiche vernetzte Geräte benutzt, die allesamt unter HarmonyOS laufen, könnten die Vernetzungsfunktionen interessant werden.

Und genau hier liegt die Schwierigkeit beziehungsweise die große Herausforderung: Wenn es Huawei nicht schaffen sollte, zahlreiche Hersteller von HarmonyOS zu überzeugen, wird das Ökosystem überschaubar und auf Huawei-Geräte beschränkt bleiben.

Die zahlreichen Partner, die bei der Präsentation immer wieder erwähnt wurden, sind allesamt in China zuhause. Weder die globale Verfügbarkeit des Betriebssystems wurde angesprochen noch wurden irgendwelche internationalen Kooperationspartner vor den Vorhang gezerrt.

Eine Chance hat HarmonyOS nur dann, wenn sich das Betriebssystem auch bei anderen Herstellern etabliert. Das könnte eben in erster Linie auf dem Heimatmarkt in China der Fall sein.

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