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Games
05/17/2019

Warum Microsoft und Sony das Ende der Spielkonsolen einläuten

Die schärfsten Rivalen auf dem Videospiel-Markt arbeiten künftig zusammen. Was absurd erscheint, hat triftige Gründe.

von Michael Leitner

Es klang für viele Videospiel-Fans wie ein verspäteter Aprilscherz: Am Donnerstagabend kündigten Sony und Microsoft eine Zusammenarbeit im Videospiel-Bereich an. Die beiden Rivalen wollen unter anderem Lösungen entwickeln, mit denen man Videospiele über das Internet wiedergeben kann. So könnte man auf jedem beliebigen Gerät, sei es nun Fernseher, Smartphone oder Laptop, spielen ohne eine Spielkonsole zu besitzen.

Beide Unternehmen arbeiten bereits seit einer Weile, unabhängig voneinander, an dieser als Cloud-Gaming bekannten Technologie, die das Ende der modernen Spielkonsolen einläuten könnte. Doch dass ausgerechnet zwei der schärfsten Rivalen auf dem Videospiel-Markt miteinander kooperieren, überrascht viele Fans und Beobachter. Bei näherer Betrachtung ergibt die Partnerschaft aber durchaus Sinn.

Angst vor Google und Co.

Das Ende der Spielkonsolen scheint dank der wachsenden Internet-Bandbreiten unabwendbar zu sein. Wozu eine kostspielige und stromfressende Spielkonsole zulegen, wenn man sich einfach ein Spiel auf einem Cloud-Dienst kaufen und bei gleicher Qualität über das Internet streamen kann? Mit den gleichen Argumenten machten auch schon Musik- und Video-Streaming-Dienste wie Spotify und Netflix die CD und DVD zur Nischenerscheinung. Das ist auch Sony und Microsoft bewusst, die fürchten, mit PlayStation und Xbox auf der Strecke zu bleiben.

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Diese Befürchtung ist nicht unbegründet: Google kündigte kürzlich mit Stadia einen Cloud-Gaming-Dienst an. Der US-Konzern greift dabei auf sein großes Netz an internationalen Datenzentren zurück, auf denen die Spiele ausgeführt und möglichst verzögerungsfrei zum Nutzer übertragen werden sollen. Bislang war der Dienst nur einer kleinen Zahl von Nutzern zugänglich. Noch dieses Jahr will man weltweit starten. Auch andere Unternehmen, etwa Grafikkarten-Hersteller Nvidia (Geforce Now) und das französische Start-up Blade (Shadow), bieten bereits Cloud-Gaming-Dienste an.

Cloud-Dominanz

Der Deal macht auch die Dominanz der US-Konzerne auf dem Cloud-Markt deutlich. Allein Amazon (Amazon Web Services, AWS), Microsoft (Azure) und Google (Google Cloud) hatten im Vorjahr einen Marktanteil von 57 Prozent und wachsen ungebremst weiter. Nennenswerte Konkurrenz, beispielsweise aus Europa, zeichnet sich derzeit nicht ab. Diese Unternehmen haben aufgrund ihrer zahlreichen Datenzentren, die in aller Welt verteilt sind, auch die besten Voraussetzungen, um Cloud-Gaming anzubieten.

Daher überrascht es nicht, dass Sony laut der Ankündigung auf Microsoft Azure setzen wolle. Dass Technologie-Konzerne auf die Cloudspeicher-Dienste der Konkurrenz zurückgreifen ist nicht ungewöhnlich: Apple nutzt für die iCloud teilweise  AWS und die Google Cloud. Auch Netflix, das für einen großen Teil des weltweiten Internet-Traffics verantwortlich ist, nutzt Amazons Dienste.

Sony und Microsoft bleiben Konkurrenten

Doch genauso überraschend wie die Partnerschaft daherkam, könnte diese auch wieder verschwinden. Denn bislang wurde lediglich eine Absichtserklärung unterzeichnet, die rechtlich nicht bindend ist. Es ist auch unwahrscheinlich, dass Sony und Microsoft die Grenzen zwischen ihren Plattformen aufbrechen werden oder gar ein gemeinsames Angebot starten. Während Microsoft erst vor wenigen Monaten eine Partnerschaft mit Nintendo ankündigte, um plattformübergreifendes Spielen zu vereinfachen, ziert sich Sony beim Thema Crossplay immer noch. Zuletzt öffnete man sich zwar etwas, das gemeinsame Zocken mit Xbox-Spielern bleibt aber dennoch die Ausnahme von der Regel.

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Beide Konzerne werden außerdem weiterhin Exklusivtitel anbieten, die nur für PlayStation bzw. Xbox verfügbar sind. Dieser Trend wird sich voraussichtlich sogar verstärken. Denn ähnlich wie bei Netflix oder Spotify werden die Konzerne auch beim Cloud-Gaming eine monatliche Gebühr verlangen, um Zugriff auf eine Bibliothek von Spielen zu bekommen. Wer die beste Auswahl an Titeln hat, dürfte wohl auch die meisten Kunden anlocken.

Insofern überrascht es kaum, dass einige Videospiel-Konzerne mit eigenen Angeboten liebäugeln und für einen stark fragmentierten Markt sorgen könnten. EA kündigte bereits im Vorjahr an, dass man unter dem Namen Project Atlas an einem eigenen Cloud-Gaming-Dienst arbeite. Mit EA Access, das Zugriff auf eine Auswahl eigener Titel bietet, sammelte man bereits erste Erfahrungen im Abo-Geschäft. Und auch Amazon, das mehrere Videospiel-Studios besitzt, arbeitet Gerüchten zufolge an einem Cloud-Gaming-Dienst.

Warten auf Nintendo, PS5 und Xbox Two

Unklar bleibt, welche Rolle Nintendo künftig einnehmen wird. Der japanische Konzern fiel mit der Spielkonsole Wii U auf den dritten Platz zurück, kämpfte sich zuletzt aber mit seinem Hybrid-Gerät Switch wieder heran. Gerüchten zufolge sollen noch dieses Jahr zwei neue Modelle der Spielkonsole auf den Markt kommen. Von Cloud-Gaming war bislang nicht die Rede. In Japan experimentierte man aber bereits mit der Technologie und bot unter anderem Resident Evil 7 und Assassin’s Creed Odyssey als Cloud-Gaming-Titel an.

Zumindest darf man grundsätzlich noch auf eine Schonfrist hoffen: PlayStation 5 und Xbox Two, die vermutlich letzten klassischen Spielkonsolen, werden für das kommende Jahr erwartet. Für einige Jahre wird es also wohl noch in ähnlicher Form weitergehen.