© dpa-Zentralbild/Patrick Pleul / Patrick Pleul

GASTKOMMENTAR
10/02/2020

Teller statt Tonne - Demokratie ins Supermarktregal!

Niemand bei Verstand würde bares Geld für Lebensmittelabfälle bezahlen. Trotzdem tun wir es alle und finanzieren damit die Klimakrise.

von Tina Wirnsberger

Mein Vater war leidenschaftlicher Schnäppchenjäger. Das machte die Gelegenheiten, bei denen unsere Familie ins China-Restaurant ausführte, für ihn gleich doppelt festlich: Er bestellte immer ein großes Menü, obwohl er wusste, dass er nicht alles essen würde. Aber darum ging es nicht, sondern um das Gefühl, ein gutes Geschäft zu machen. Vergleichsweise war das Menü viel billiger als alle Einzelkomponenten zusammen und genau mit diesem eindrücklichen Vergleich wurde es auch beworben. Ein super Schnäppchen, sagt unser irrationales Belohnungssystem, das auf Rabatte ähnlich wie auf Drogen anspringt und die vernünftige Kauf-Abwägung ausknockt. Deshalb spielte es auch keine Rolle, dass ein Teil von Frühlingsrolle, Peking-Ente und Honigbananen definitiv im Müll landen würde und mein Papa faktisch gutes Geld für Essensabfälle bezahlte.

Wir alle kaufen Lebensmittelmüll

Wer jetzt denkt, das Beispiel meines Vaters sei das eines besonders naiven Käufers mit ausgeprägtem Hang zur Verschwendung, den darf ich an dieser Stelle im wahrsten Sinne des Wortes ent-täuschen: Wir alle ticken so. Wir alle wenden unbewusst bestimmte Faustregeln an, um Entscheidungen schneller und unkomplizierter zu treffen. Viele dieser sogenannten Heuristiken beeinflussen unsere Kaufentscheidungen, sehr häufig zum Beispiel der Anker-Effekt: Ein (vermeintlicher) Ausgangspreis wird als Anker gesetzt, alles darunter erscheint uns als guter Deal – selbst wenn der Ausgangspreis eine völlig willkürliche Zahl ist und wir trotzdem noch zu viel für ein Produkt bezahlen oder eine Menge kaufen, die wir gar nicht konsumieren können.

Es sind auch diese Heuristiken, die erklären, warum wir bei unnötigen Großpackungen, „kauf drei, zahl zwei“-Angeboten oder minus 25% auf ausgewählte Produkte, die wir eigentlich gar nicht brauchen, zuschlagen. Und das wiederum erklärt auch einen Teil der unnötigen Lebensmittelabfälle, die wir in großen Mengen verursachen. Niemand bei Verstand würde rund dreieinhalb Kilo seines Wocheneinkaufs schnurstracks in den Mistkübel werfen, oder? Überspitzt ausgedrückt tun wir aber genau das. 173 kg Lebensmittelabfälle fallen laut einer Studie des WWF pro Kopf jährlich in der EU an.

Ethisches und ökologisches Desaster

Ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landet am Weg von der Produktion zu unseren Kochtöpfen im Müll. Wäre Welthunger nur eine Frage der Menge an verfügbaren Lebensmitteln, so könnte man ihn mit der Menge an weggeworfener Nahrung sofort beenden – und das mehrfach. Lebensmittelverschwendung ist aber nicht nur ein massives ethisches Problem, sondern auch eine enorme Belastung für die Umwelt durch hohen Boden- und Wasserverbrauch sowie Energieverschwendung und die Schadstoffe, die sie erzeugen. Insgesamt ist die Lebensmittelverschwendung einer der drei größten Verursacher von Treibhausgasen weltweit.

Daran sind natürlich mehrere Akteur*innen beteiligt, von der Landwirtschaft angefangen über den Handel bis hin zu politischen Entscheidungsträger*innen, die entsprechende Rahmenbedingungen schaffen müssen. Als Konsument*innen können wir mit ein wenig Bewusstsein und Aufmerksamkeit der Verschwendung im eigenen Haushalt relativ einfach einen Riegel vorschieben. Die einfachsten Schritte beginnen beim Wissen über das richtige lagern und verarbeiten und die Haltbarkeit über aufgedruckte Zahlen hinaus. Als Teil der immer größer werdenden Foodsharing-Community kann man Lebensmittel vor dem Müll bewahren und teilen oder auch mit der App Too Good To Go günstige kommerzielle Angebote nutzen, um Essen zu retten.

Demokratie ins Supermarktregal

„Lebensmittelrettung“ setzt am Ende der Kette an und macht natürlich Sinn, solange Überschüsse, die für die Tonne produziert werden, die Supermarktregale füllen. Das eigentliche Ziel muss aber sein, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen! Dazu braucht es neben entschiedener Politik auch Alternativen zu den herkömmlichen Systemen, in denen unsere Nahrung produziert und verkauft wird. Ein spannendes Projekt, für das es bereits erfolgreiche Vorbilder in Paris und New York gibt, ist gerade in Wien im Entstehen: Ein genossenschaftlicher „Mitmach Supermarkt“ mit dem Vollsortiment eines herkömmlichen Supermarkts, aber dem Unterschied, dass die Mitglieder selbst bestimmen, was ins Regal kommt. Wer möglichst früh darüber mitentscheidet, was am Teller landet, vermeidet schließlich nicht nur Lebensmittelabfälle, sondern auch das Risiko, dem eigenen Belohnungssystem im Rabattrausch kurzfristig auf den Leim zu gehen.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.