Erster Bezirk

© Kurier / Gerhard Deutsch

GASTKOMMENTAR
10/16/2020

Gastrorettung oder Giftpilz?

Durch die Pandemie kommen extrem harte Zeiten auf die Gastronomie zu. Was es bräuchte wären ehrliche Prognosen und darauf aufbauende Konzepte.

von Tina Wirnsberger

Der Herbst ist da und fegt die Illusion des Sommers hinweg, Corona und all seine Folgen seien überwunden. Die Temperaturen sinken, die Infektionszahlen steigen und mit fehlenden Lösungen auf die drängenden Fragen, wie wir physisch, psychisch und finanziell durch die nächsten Monate kommen, macht sich nun auch in den verlängerten Gastgärten der Einserschmäh wieder breit, mit dem seit Jahrzehnten effektive Klimapolitik an die Wand gefahren wird: Aber die Wirtschaft!

Um „die Wirtschaft“ zu retten, werden uns individuell und gesamtgesellschaftlich seit vielen Monaten zahlreiche Kompromisse und Einschränkungen abverlangt. Viele davon ergeben nach direktem Ursache-Wirkung Prinzip natürlich auch Sinn: Kontakte reduzieren, Abstand halten, Hände waschen, Mund-Nasenschutz tragen etwa. Oder auch nicht in überfüllten Apres-Ski-Höllen die Nächte durchfeiern und auch sonst in Restaurant und Bars alles daran setzen, dass das Virus draußen bleibt.

Aufgewärmt: Öko vs. Wirtschaft

Apropos „draußen bleiben“. Gesellige Zusammenkünfte ins Freie zu verlagern, hat sich in den letzten Monaten bewährt. Wenn es nach mir ginge, könnte es ja gut und gerne das ganze Jahr über Schanigärten statt Autoabstellplätze geben. Dass jedoch das Überleben der arg gebeutelten Gastronom*innen ausgerechnet einzig und allein an der Frage hängen soll, ob sie Heizschwammerl aufstellen dürfen oder nicht, das halte ich für reinste Augenauswischerei. Heizpilze lösen bestenfalls für Gäste die Frage, was sie zum Ausgehen anziehen sollen, nicht aber für Gastronom*innen, wie sie genügend Umsatz machen in Zeiten, in denen die Pandemie und die Maßnahmen dagegen ihr Geschäft massiv beschränken.

Die Debatte hat frappante Ähnlichkeit mit der Diskussion um das allgemeine Rauchverbot, das im Gegensatz zur vorangegangenen, österreichischen Halb-Lösung letztlich auch keine wirtschaftlichen Existenzen aufs Spiel gesetzt hat: Sie wird kurzsichtig, auf Basis individueller Befindlichkeiten einzelner Gruppierungen und am eigentlichen Thema vorbei geführt. Das Heizschwammerl, präsentiert als lebenserhaltende Maßnahme für die Lieblingskneipe ums Eck, ist nichts weiter als eine Beruhigungsspritze für die Gastronom*innen, die vor ganz realen Existenznöten stehen. Jenen, die verantwortlich wären ihnen Lösungen oder zumindest ehrliche Zukunftsprognosen zu liefern, ist der hitzige Streit „Öko vs. Wirtschaft“ eine in allen möglichen Varianten bereits hunderte Male erprobte und höchst willkommene Ablenkung von den eigentlichen Problemen.

Fehlende Konzepte

Denn so spricht niemand mehr über das zu langsame und zu bürokratische Management der Wirtschaftskammer bei den Corona-Hilfen, geschweige denn darüber, dass uns eine Rezession ins Haus stehen dürfte, wie die meisten von uns sie noch niemals auch nur annähernd erlebt haben. Niemand wird daran Konkurs gehen, kein Heizschwammerl aufgestellt zu haben, sondern eher daran, am Ende die Rechnung für diese enormen Energiefresser nicht bezahlen zu können. Denn schon jetzt war es ein schweres Jahr für die Wirte, und wer es bis hierhin geschafft hat muss mit weiteren Einbußen rechnen. Wenn die Infektionszahlen weiter in die Höhe schnellen, sind frühere Sperrstunden und andere Einschränkungen zu erwarten. Warum aber sollte man sich angesichts fehlender Konzepte für einen realistischen Umgang mit diesen harten Tatsachen als Politiker oder Wirtschaftskammerfunktionär zum Überbringer der schlechten Botschaft für Wirt*innen machen, wenn man ihnen stattdessen auch ganz einfach plump sagen kann: Die Ökofundis wollen, dass dein Beisl tschari geht!

Es wird ungemütlich

12.000 Kilometer Autofahrt. Das ist beinahe so viel wie die jährliche Fahrleistung österreichischer Autofahrer*innen und entspricht der Menge an CO2, die ein gasbetriebenes Heizschwammerl pro Saison in die runderwärmte Luft schleudert. Bei einer noch relativ großzügigen Berechnung entspricht das in etwa der maximalen Menge an CO2, die eine Person pro Jahr verursachen dürfte, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen. Nochmal: Nicht Heizpilze werden Wirt*innen vor dem Ruin und somit Wirtschaft und Arbeitsplätze retten, sondern weitsichtige, ehrliche, nachhaltige Konzepte, die das Ausmaß der Folgen der Pandemie ernst nehmen.

Womöglich wird der Winter im Gastgarten ohne Heizpilz ein bisserl ungemütlicher. Aber was ganz bestimmt mehr als ein paar gesellige Winterabende lang ungemütlich wird, das sind die Auswirkungen der Klimakrise, wenn wir sie nicht aufhalten und uns stattdessen weiterhin bei jeder kleinen Gelegenheit gegeneinander ausspielen lassen.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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