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Produkte

Wie Apple die Pandemie zur Goldgrube machte

Als Apple am 17. Februar in einer Mitteilung an Investoren überraschend vor den negativen Auswirkungen von Corona auf die Geräteproduktion und die Nachfrage in China warnte, war die Pandemie in unseren Köpfen noch weit weg. Österreich hatte noch keinen einzigen bestätigten Covid-19-Fall und auch in Deutschland waren in den Wochen zuvor nur vereinzelt Fälle aufgetreten.

Flut an neuen Produkten

Dass Apple das gesamte Jahr kein einziges Produkt live vor Publikum vorstellen würde, schien unvorstellbar. Am Ende war es so – und nicht nur das. Ironischerweise brachte Apple im Krisenjahr so viele Geräte und Services wie noch nie auf den Markt. Neben einem neuen iPad Pro inklusive innovativer Tastatur im März kam im April das aktualisierte Einsteiger-iPhone SE (zum futurezone-Test). Anders als Google oder Facebook sagte Apple auch seine Entwicklerkonferenz nicht ab, sondern hielt diese im Juni online ab.

Im Herbst folgten vier Modelle des iPhone 12, Updates bei Apple Watch, iPad, Apple TV, ein Lautsprecher, Macs mit Apple-eigenem Prozessor und im Dezember die Luxuskopfhörer AirPods Max. Das im September endende Geschäftsjahr bescherte Apple trotz verspätetem iPhone-Launch einen Rekordumsatz von 274,5 Milliarden Dollar. Der Gewinn konnte im Krisenjahr um 3,9 Prozent auf 57,4 Milliarden Dollar gesteigert werden. Die Aktie ist seit Jahresbeginn um 60 Prozent gestiegen.

iPhones und Macs gefragt

„Apple hat in der Pandemie davon profitiert, dass Geräte zum Kommunizieren extrem wichtig wurden. Ging es Anfang des Jahres noch darum, wie man weniger Zeit am Handy und Computer verbringen kann, wurden diese im Lockdown und Home-Office plötzlich zu den Objekten, die einem das Leben retten“, erklärt Apple-Analyst Horace Dediu von Asymco.

Die vielen Produktneuheiten seien aber Zufall gewesen, da die Vorlaufzeit dafür mehrere Jahre daure. Dass Apple die Krise besser als andere Konzerne überstanden habe, hat laut Dediu einen einfachen Grund. „Das Virus diskriminiert. Leute mit geringerem Einkommen sind von Lockdowns, aber auch der Rezession weitaus stärker betroffen. Das ist aber nicht Apples Kundschaft. Sie sprechen Besserverdiener an. Und die haben in Zeiten von Home Office und sozialer Distanz in Macs, iPads und iPhones investiert.“

Apple Silicon: Neues Zeitalter

Während die neuen iPhones einmal mehr die größte Aufmerksamkeit auf sich zogen, blieb eine der bahnbrechendsten Weichenstellungen eher unterbelichtet: Apple Silicon. Zwar war schon länger erwartet worden, dass der Konzern seine Expertise als Chiphersteller von iPhone, iPad und Apple Watch auch in den Macs umsetzen will. Dass Apple den neuen ARM-basierten M1-Chip nicht nur im Macbook Air und im Mac Mini, sondern gleich auch im besonders leistungsstarken Macbook Pro verbaute, war dann doch überraschend.

Für Intel bedeutet das Aus als Apple-Lieferant einen großen Prestigeverlust. Dass Apple beim ersten Versuch zumindest in einigen Benchmark-Tests gleich 40 bis 50 Prozent mehr Akkudauer und eine höhere Leistung als dieselben Geräte mit Intel-Prozessor zusammenbrachte, sollte die Alarmglocken bei Intel schrillen lassen. Die gute Performance des M1 lässt erahnen, was alles möglich sein wird. Zuletzt sickerten Details durch, dass bereits an einem Chip mit bis zu 32 Prozessorkernen (Grafik und CPU) gearbeitet wird.

Was Steve Jobs immer wollte

„Das ist etwas, was Apple seit Jahrzehnten und wohl auch schon Steve Jobs tun wollte. Das garantiert Unabhängigkeit und ist ein großer strategischer Vorteil, zumal es in den nächsten Jahren um völlig neue Anwendungen im Bereich künstlicher Intelligenz gehen wird – etwa bei Wearables und Augmented Reality", analysiert Dediu.

Damit solche Anwendungen massentauglich werden, brauche es neben der Software auch die entsprechende Hardware. Und die könne Apple jetzt praktisch völlig unabhängig selbst entwickeln. Dediu rechnet damit, dass Apple künftig auch Funkchips selbst produzieren und sich so von Herstellern wie Qualcomm loslösen wird.

Apple stirbt endgültig nicht

Als größte Überraschung bezeichnet der Apple-Kenner die Entwicklung der Aktie an der Börse. Nach vielen Jahren, in denen Apple trotz enormen Wachstumsraten und soliden Gewinnen völlig unterbewertet gewesen sei, habe sich der Börsenwert nun an die starken Geschäftszahlen angepasst.

„An der Börse hatte Apple anders als Microsoft oder Google absurderweise immer den Ruf, dass der Konzern kurz vor seinem Untergang steht – egal, wie viele iPhones verkauft wurden oder wie stark das Services-Geschäft wuchs. In der Pandemie konnte Apple diese pessimistische Sicht ein für allemal abstreifen. Sie haben in der Krise genau die Produkte und Services geliefert, die für Kunden wichtig waren“, sagt Dediu.

Baustelle Apple TV+ und Arcade

Während das iPhone 12 mit seinem neuen alten Design und herausragender Kamera punkten konnte, enttäuschte der Konzern bei seinem Streaming-Dienst Apple TV+. Außer einem Achtungserfolg mit „The Morning Show“ landete Apple keinen einzigen Volltreffer. Da fast nur auf hauseigene Inhalte gesetzt wird, bleibt das Angebot – auch durch Produktionsstopps wegen Corona - äußerst dürftig.

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Beim Games-Abodienst Arcade läuft es besser, wenngleich manche den Apple-typischen Fokus auf stets polierte, jugendfreie, saubere Inhalte kritisieren.

„Content ist ein Bereich, in dem Apple ein Anfänger ist. Sie deswegen abzuschreiben, wäre aber ein Fehler. Auch bei Services waren sie früher nicht gut. Heute zählen sie mit 600 Millionen monatlichen Abonnenten und 20 Prozent jährlichem Wachstum zu den größten Firmen in dem Bereich. Sie haben die Ressourcen und die konzerninternen Mechanismen, um künftig auch bessere Inhalte anbieten zu können“, ist Apple-Analyst Dediu überzeugt.

Ausblick: iPhone 13 und AR-Brille

Für 2021 sind neben einem Ausbau der Services-Schiene mit Diensten wie einem Fitness-Abo auch das iPhone 13, Updates zu iPods und Watch sowie einige neue Macs zu erwarten. Als spannendstes Neugerät könnte im kommenden Jahr Apples erste AR-Brille angekündigt werden.

Sie soll in beiden Gläsern Displays verbaut haben und mittels Gestensteuerung bedient werden. Insidern zufolge hätte die Brille bereits angekündigt werden sollen, das wurde aber verschoben – eine Gelegenheit würde die nächste Entwicklerkonferenz im Juni bieten.

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Martin Stepanek

martinjan

Als früher „Digital Native“ schon 1984 dem legendären Macintosh 128k seines Vaters ausgesetzt. Erster eigener Computer: Atari 520ST. Gadget-verliebt. Während Journalisten-Verschnaufpausen Alte-Musik-Sänger im Vienna Vocal Consort. Liebt gute TV-Serien. Und Wien.

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